Wie die Zeit vergeht. Als vor gut fünf Jahren die erste Straßengeschichte in der BAZ erschien, dachte niemand daran, dass die Serie so gerne gelesen werden würde. Nun steht der 100. Beitrag ins Haus. In ihm geht es nicht um eine einzelne Straße und was sich über ihren Namen erzählen lässt, sondern um das, was die meisten Straßen gemeinsam haben: in den Boden eingelassene Deckel aus Metall in verschiedenen Größen und Formen. Auch sie erzählen eine Geschichte.
Man liest es immer wieder. Wer in Bill Gates‘ Softwarefirma Microsoft arbeiten will, dem wird beim Einstellungsgespräch die Frage gestellt, warum Kanaldeckel meistens rund seien. Die häufigste Antwort dazu lautet, ein runder Kanaldeckel könne nicht durch die kreisförmige Schachtöffnung stürzen. Doch das ist nicht der einzige Grund. Runde Kanaldeckel kann man zum Beispiel rollend fortbewegen.
Da sie in der Regel recht schwer sind, erleichtert das die Arbeit der Handwerker. Zudem ist es praktisch, dass runde Deckel nicht ausgerichtet werden müssen. Sie passen immer. Auch einen akustischen Vorteil gibt es. Runde Deckel liegen besser auf dem Rahmen auf als eckige, wodurch störende klappernde Geräusche normalerweise vermieden werden, wenn dauernd Autos oder Motorräder darüberfahren.
Wie alles angefangen hat
Als unsere Vorfahren noch Jäger und Sammler waren, gab es keine Städte. Eine Kanalisation war deshalb auch nicht notwendig. Vor etwa 10.000 Jahren begannen sie, sesshaft zu werden, Ackerbau zu betreiben und Tiere zu züchten. Dieser soziale und kulturelle Umbruch wird neolithische Revolution genannt. Mit der Entstehung von größeren Siedlungen entwickelte sich eine frühe Form der Sanitärtechnik. Außerhalb von Europa finden sich im heutigen Pakistan und Indien entsprechende Spuren schon vor 7000 Jahren.
In Mesopotamien – im heutigen Irak und Nordsyrien – entstanden Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends ausgedehnte Städte mit gemauerten Kanälen. Etwas später lassen sich im griechischen Raum Siedlungen mit funktionierenden Entwässerungsanlagen archäologisch nachweisen. Und natürlich dürfen auch die Römer nicht fehlen, von denen wir so Vieles übernommen haben. Kanalgitter, meist aus Stein gehauen, sollten Passanten schützen und verhindern, dass Gegenstände hineinfallen.
Den wohl bekanntesten Kanaldeckel Roms hat jeder schon einmal gesehen. Es ist die berühmte Bocca della Verità (Abb. 1). Das scheibenförmige Relief aus Marmor befindet sich seit dem 17. Jahrhundert in der Kirche Santa Maria in Cosmedin.
Die Mehrheit der Wissenschaftler sieht darin einen Deckel der Cloaca Maxima, der Kanalisation, die auf Tarquinius Priscus, den fünften König von Rom, zurückgeht. Die bekannte Vorstellung eines antiken Lügendetektors, der demjenigen die Hand abbeißt, der die Unwahrheit sagt, ist eine Geschichte, die erst im Mittelalter erfunden wurde.
Spurensuche in der Umgebung
Man kann sich dem Thema von verschiedenen Seiten nähern. Beginnen wir bei der Form. Sehr oft wird Menschen, die zu Fuß unterwegs sind und deren Blick fast durchgehend auf den Boden gerichtet ist, nachgesagt, sie würden von der Welt um sich herum nichts mitbekommen. Doch dieser Blick kann auch Interessantes offenbaren. Auf meinem Weg durch das Burggrafenamt und der Suche nach Kanaldeckeln ist mir als erstes aufgefallen, wie viele verschiedene Größen und Formen es gibt.
Neben dem klassischen runden Deckel (Abb. 2) trifft man immer wieder auf quadratische (Abb. 3) oder rechteckige (Abb. 4). Mitunter tauchen unter den Füßen ganz unverhofft auch vier- oder dreieckige Deckel mit abgerundeten Ecken auf (Abb. 5 und 6). Und immer wieder blickt in den Abdeckungen aus Gusseisen die Geschichte durch. So gibt es in Meran Hydrantenschächte, auf denen das deutsche „Hydrant“ oder das italienische „Idrante“ zu lesen ist.
Diese ovalen Deckel (Abb. 7 und 8) sind aber nicht die einzigen historischen Hinweise. Auch die italienischen Telefongesellschaften, deren Leitungen vielfach unterirdisch verlaufen, haben über die Jahrzehnte hinweg Spuren hinterlassen.
Die ältesten Deckel tragen noch die Aufschrift TELVE (Abb. 9). 1923 hatte Benito Mussolini die Verwaltung des italienischen Fernsprechwesens mehreren privaten Konzessionären anvertraut. Die TELVE belieferte das Triveneto, zu dem auch Südtirol gehörte, und ging Mitte der 60er Jahre in der neugegründeten SIP auf (Abb. 10).
Wer erinnert sich nicht an das Wählscheibentelefon in zwei Grautönen? Die SIP wurde drei Jahrzehnte später in TELECOM umbenannt (Abb. 11) und heißt mittlerweile kurz und prägnant TIM (Abb. 12).
Enthüllende Aufschriften
Nicht nur die Namen von Firmen geben einen Hinweis auf die Funktion der metallenen Deckel. Eine Aufschrift wie „Ispezione fognatura“ ermöglicht den Eintritt in die urbane Unterwelt zwecks Kontrolle und Instandhaltung. „Saracinesca acquedotto“ und „Rubinetto“ verweisen auf die Wasserversorgung. Daneben finden sich Zugänge zu Gasleitungen, Ampelanlagen („Segnalazioni stradali“) und der Straßenbeleuchtung („Illuminazione pubblica“).
Einen weiteren Blick in die Vergangenheit ermöglicht ein kleiner runder Deckel mit der Aufschrift „Scarico Salvar“ für das Abwasser der 1972 eröffneten Therme in Meran. Damals noch unter dem Namen S.A.L.V.A.R. Das „R“ am Ende steht übrigens für „radioaktiv“ und bezieht sich auf die Radon-haltige Quelle am Vigiljoch. So vielfältig ihre Funktionen, so geographisch breit ist ihre Herkunft. Neben heimischen Herstellern in Bozen und Sterzing tauchen die italienischen Ortschaften Mezzolombardo, Lavis, Casandrino (nahe Neapel), Roncadelle und Vicenza auf, österreichische Deckel stammen aus Salzburg, deutsche aus dem hessischen Aarbergen.
Allen Deckeln auf Verkehrsflächen ist gemein, dass sie der europäischen Norm EN 124 entsprechen müssen – eine Angabe, auf die man häufig stößt, wenn man genau hinschaut.
Einige Besonderheiten zum Schluss
Ich habe nicht gezählt, wie viele Kanaldeckel mir auf dem Weg durch das Burggrafenamt untergekommen sind. Es wird wohl Tausende geben. Und hinter der einen oder anderen beobachteten Eigenschaft steckt ein ganz konkreter Gedanke. Um zum Beispiel Geld zu sparen, werden manche nur teilweise aus Metall gegossen und dafür mit Beton ausgefüllt (Abb. 13).
Auf eine besonders schöne Abdeckung trifft man auf dem Meraner Pfarrplatz – mit Windrose, Höhenangabe und geographischen Koordinaten (Abb. 14). Kanaldeckel gehören aber nicht nur zu den Interessen von Einzelpersonen, sondern sind mittlerweile Beschäftigungsfeld von Vereinen und Museen. In Ferrara gibt es seit gut zwanzig Jahren ein „Museo delle Ghise“, das über 150 Exemplare aus aller Welt ausstellt. Und in der Schweiz wurde 2008 ein Verein gegründet, der Kanaldeckel u.a. aus kunsthistorischer Sicht betrachtet.
Für ihre Wissenschaft haben die Mitglieder sogar den Begriff „Dolologie“ erfunden. Die Frage, warum so viele Kanaldeckel rund sind, ist dabei nur eine von ganz vielen.
Christian Zelger